Hybride Lernumgebungen

Lernen, ein räumlicher Prozess?

Der Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit Lernprozessen in der pädagogischen und didaktischen Theorie liegt auf den zu vermittelnden Inhalten und der didaktisch-methodischen Gestaltung. D.h. die Auswahl, Begründung und Aufbereitung der Inhalte sowie der Einsatz spezifischer Methoden und die zeitliche Organisation von Lernprozessen stand im Vordergrund. Im Zuge der Forderung nach einer stärkeren “Selbststeuerung” der Lerner bei ihren Lernprozessen, zeigt sich allerdings eine zu starke Vorselektion und Prozesssteuerung als hinderlich. Um trotzdem Lernprozesse pädagogisch zu rahmen ohne die Eigeninitiative der Lerner zu stark zu begrenzen, bietet es sich an, die räumliche Dimension stärker in den Blick zu nehmen und anregende und offene Settings für Lernprozesse zu gestalten. Lernen wird dann als eine Auseinandersetzung mit Inhalten, Objekten, Medien aber auch Personen, in unterschiedlichen Konstellationen verstanden, die immer räumlich gerahmt ist. Der Raum oder das Setting ist dabei aber nicht nur als Beiwerk zu verstehen, sondern als entscheidender Faktor, der Lern-, Bewegungs-, Kooprations- und Kommuniaktionsprozesse beeinflusst und sich hemmend, verhindernd oder fördernd bzw. ermöglichend auf Lern- und Reflexionsprozesse auswirken kann. Diese “existenzielle” Bedeutung von Raum für soziale Prozesse und die individuelle Entwicklung wurde u.a. von dem Philosoph Martin Heidegger in seiner “Daseinsanalyse” herausgestellt und von Otto Bollnow aus einer stärker pädagogischen Perspektive behandelt.

Die Gestaltung von Lernsettings/Lernumgebungen als pädagogische Aufgabe

Die Gestaltung von Lernsettings bringt darüberhinaus den Vorteil, dass die zeitliche Strukturierung flexibler und offener gehandhabt werden kann. Settings können z.B. mit bestimmten Stationen und Materialien ausgestattet sein, die zwar räumlich angeordnet sind, es den Lerner aber frei lassen wann und wie sie diese nutzen. Aus dieser Perspektive stellt sich die primäre Aufgabe des Pädagogen weniger als Inhaltsselektion oder Prozesssteuerung dar, sondern vielmehr als Gestalter von Umgebungen, der diese für Lern- und Reflexionsprozesse einrichtet. Im Rahmen der Settinggestaltung spielen dann auch die klassischen Aufgaben wieder eine Rolle, allerdings können sie sehr viel flexibler gehandhabt werden, als wenn sie denn Ausgangspunkt der pädagogischen Tätigkeit darstellen. Für eine solche raumorientierte Pädagogik braucht es allerdings ein spezifisches Wissen, dass bisher nur in Ansätzen zusammengestellt und pädagogisch reflektiert wurde. Die zentrale Frage die sich hier stellt ist: Wie funktionieren pädagogische Räume? D.h. wie können über die räumliche Gestaltung pädagogische Prozesse initiiert, gefördert oder eben gestört oder verhindert werden, bis hin zu der Frage, wie spezifische Lernprozesse räumlich initiiert oder gefördert werden können. Diese Frage wird noch einmal komplexer aber auch in Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen (Stichwort: Wissensgesellschaft)relevanter, wenn mediale Angebote und Räume als mögliche Elemente für eine Anreicherung und Erweiterung bestehender Settings berücksichtigt werden. Mit deren Einbeziehung stellt sich auch die grundlegende Frage, in wiefern Medien und der Prozess der Medialisierung Raum und Räumlichkeit verändern und inwiefern diese Veränderung pädagogisch relevant sind.

Lernen in realen oder virtuellen Settings?

Medien sind schon seit langer Zeit Bestandteil von Lernprozessen und von Lernsettings. Durch das Aufkommen der sogenannten neuen Medien bieten sich zunehmend die Möglichkeit Lernprozesse medial anzureichern oder vollständig in rein virtuelle Settings zu verlegen. Verfolgt man die Diskussion über das E-learning in den 1990er Jahren, so konnte der Eindruck entstehen, dass das Ende des realen Lernens gekommen sei und Lernen bald nur noch in virtuellen Settings stattfinden würde. Bald schon wurde dieser Ansatz aber durch Konzepte wie das Blended-learning relativiert, die verdeutlichen, dass der realweltlichen Raum und “realer” Interaktion nicht so einfach vollständig ersetzt werden kann und das in der Einbindung “realer” Elemente in virtuelle Settings spezifische Prozesse ermöglicht werden, denen eine basale pädagogische Bedeutung zukommt.

Informelles Lernen in hybriden Settings?

Trotz dieser Abkehr von einer radikalen Virtualisierung, setzt sich der Prozess der Medialisierung weiter fort. Immer mehr lebensweltliche Bereiche sind mit digitalen, vernetzten und softwarebasierten Medien verbunden, die entweder vor Ort verfügbar sind, oder von den potentiellen Nutzern mitgebracht werden. Dieser Prozess betrifft dabei nicht nur formale Lernsettings wie die Schule, sondern auch informelle Settings, denen in der pädagogischen Diskussion der letzten Jahre eine immer größere Bedeutung zugeschrieben wird. [Bezug Baacke et. al.: Lebenswleten sind Medienwelten]. Diese Lernumgebungen werden in diesem Sinne “hybrid”, d.h. materielle und mediale Elemente verbinden sich in ihnen - es entstehen Übergänge und Vermischungen, die neue Qualitäten hervorbringen und neue Möglichkeiten eröffnen.

"Hybride Lernumgebungen" als Forschungs- und Gestaltungsansatz

Das Konzept “hybride Lernumgebungen” folgt dabei zwei zentralen Ideen. Zum einen geht es darum den Prozess der Hybridisierung näher zu erforschen, d.h. Beispiele hierfür zu identifizieren, zu analysieren zu klassifizieren und diese aus einer pädagogischen Perspektive auszuwerten. Darauf aufbauend soll geklärt werden, wie “Hybridisierung” als bewusster und systematischer Gestaltungsprozess vorangetrieben werden kann. Dabei stehen neben formalen vor allem informelle Lernsettings im Fokus der Untersuchung. Es geht also darum zu klären, wie Medien in bestehende Settings in einer Weise eingebunden werden können, dass ein neues und in sich konsistentes hybrides Settings ensteht. Ebenso kann dies Untersuchung für virtuelle Settings durchgeführt werden.

Ein Nutzer- und handlungsorientierter Ansatz

Der Ansatz “hybrider Lernumgebungen” geht davon aus, dass sich in jeder Lernumgebung eine bestimmte Nutzungskultur etabliert hat, die im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, institutionellen Vorgaben und insbesondere mit denen in der Umgebungen agierenden Akteure zu sehen ist. Zentraler Ansatzpunkt des Ansatzes ist daher zunächst eine Umgebungs- bzw. Settinganalyse, die versucht, diese Nutzungskultur zu verstehen. Ein zentrales Mittel um zu diesem Verständnis zu gelangen, ist neben dem Einsatz von Fragebögen oder Interviews, die Beobachtung der Interaktions- und Kommunikationsprozesse in einem Setting. Die Beobachtung und Analyse dieser Prozesse gewähren einen Einblick in das Setting als gelebten Raum [gelebeter Raum], der die Stärken, aber auch die Schwächen oder ungenutzte Potentiale erkennen lässt. So zeigen sich Möglichkeiten zur Integration medialer Elemente, die das bestehende Setting als gelebten Raum mit seiner spezifischen Nutzugnskultur anreichern und erweitern, dieses dabei aber nicht zerstören oder begrenzen bzw. sich gegen die etablierte Kultur wenden oder isch als nicht anschlussfähig zeigen.

Hybride Lernumgebungen in der universitären Lehre

Die Analyse von formalen und informellen (Lern-) Settings stellt eine sinnvolles Element für pädagogische und medienpädagogische Studiengänge dar und kann in Form eines in eine Lehrveranstaltung integrierten und betreuten Projekt, dass über ein oder zwei Semester läuft, realisiert werden. Hier können exemplarische Umgebungen explorativ untersucht werden, einerseits um Aufschluss über deren Qualität als Lernsetting zu gewinnen und anderseits um grundlegende Erkenntnisse über den Bezug von Raum und Lernen zu gewinnen. Da wie bereits dargestellt, die Nutzungskultur entscheidend für diese Untersuchung ist, kann das Setting nicht als abstrakter Raum behandelt werden, sondern es sind vor allem die Interaktionsprozesse der Nutzer mit dem Setting und die Kommunikationsprozesse zwischen den Nutzern in den Blick zu nehmen. Hier lassen sich unterscheiden:

  • Nutzung von Settingelementen durch eine Person
  • Kommunikation zwischen Nutzern
  • Gemeinsame Interaktion zwei oder mehrer Personen mit Settingeelementen
  • Einsatz von Medien (als spezifische Elemente) im Setting (wieder allein oder kooperativ)
  • Objektivierung der Nutzungskultur

Aus diesen Interaktions- und Kommunikationsprozessen können dann Nutzungsschemata abgeleitet werden. Hier bietet sich die Beobachtung als Methode an, die zuvor oder begleitend in der Lehrveranstaltung als Methode der qualitativen Sozialforschung behandelt und eingeübt werden kann. Der Charakter des Projekts kann dabei als phänomenologisch und ethnologisch beschrieben werden, da es einerseits um die Umgebung als komplexen sozialen Gegenstand geht, der über dichte Beschreibungen als Phänomen zu erfassen ist. Andererseits stehen aber auch die spezifischen Regel, Nutzungs- und Umgangsformen sowie spezifische Rituale im Fokus der Untersuchung, die die Nutzungskultur prägen. Insofern ist es Bestandteil des Forschungsprozess in diese Micro-Kultur einzutauchen um diese besser verstehen zu können.

Die Beobachtung kann dabei durch Interviews bestimmter Akteursgruppen oder durch eine kurze Befragung, um einen Überblick über das Klientel zu gewinnen, ergänzt werden. Ziel des Seminars sollte es sein, dass die Studierenden möglichst eigenständig die Settinganalyse durchführen und über deren Ergebnisse im Seminar berichten. Dabei soll eine dichte Beschreibung des Settings, der darin stattfindenden Interaktions- und Kommunikationsprozesse und deren Qualität, sowie Ideen für eine pädagogisch sinnvolle Hybridisierung, entwickelt werden. Als sinnvoll hat es sich gezeigt, die Studierende mehrmals präsentieren zu lassen, um diesen ein Feedback geben und ggf. intervenieren zu können. Die Reihenfolge: Präsentation Vorverständnis/Erst Begehung - Erste Beobachtung/Vertiefte Beobachtung und Ideen zur Hybridisierung, hat sich dabei bewährt.

Der Forschungsprozess vollzog sich dabei über mehrere Stufen:

1. Stufe: Vorwissen explizieren
2. Stufe: Objektive Settinganalyse
3. Stufe: Nutzungsanalyse: Beobachtung
4. Stufe: Gezielte Beobachtung/Befragung
5. Stufe: Erweiterung

  • Integration medialer Elemente
  • Erweiterung in den virtuellen Raum
  • Anreicherung durch medienbasierte Kurse
  • usw.

6. Stufe: Bericht

Zur Untersuchung des Settings wurden den Studierenden verschiedene Hilfsmittel an die Hand gegeben

  • begleitender theoretisch-methodischer Input durch Referate und Dozentenpräsentation zu:
    • Raum, Raumgestaltung, Spiel- und Bewegungsräume (kognitives und ästhetisches Lernen

Dr. Alexander Unger, Universität Magdeburg [http://alexanderunger.net/]

Beispiele für Settings

 
das_konzept_hybride_lernumgebungen.txt · Last modified: 2010/10/12 22:16 (external edit)
 
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